Forum Millennium - Forschungen zum ersten Jahrtausend

Im Forum werden übergreifende Themen und Entwicklungslinien des ersten Jahrtausends interdisziplinär diskutiert. Die Treffen finden an drei bis vier Freitagen pro Semester um 16 Uhr c.t. (zur Zeit per Videomeeting) statt. Eingeladen sind Nachwuchswissenschaftler bis Professoren aller Disziplinen, die an diesem Austausch Interesse haben, Forschungsfragen vorstellen, neue Ideen oder Texte präsentieren oder Probleme diskutieren wollen. Bei Interesse bitte Email an Uta Heil: uta.heil@univie.ac.at

Forum Millennium am Freitag, den 7. Mai 2021, 16 Uhr c.t.

Margins at Centre: Inhalte und Ziele eines neuen Forschungsprojekts

"Margins at the Centre: Book Production and Practices of Annotation in the East Frankish Realm (830-900)" ist der Titel eines vierjährigen, vom FWF finanzierten Forschungsprojekts, das im vorigen Jänner startete und mich bis Ende 2024 beschäftigen wird. In meinem Vortrag bei "Forum Millennium" werde ich mein Vorhaben, die heranzuziehenden Quellen sowie erste Beobachtungen präsentieren.

Ziel meiner Arbeit ist zu untersuchen, wie die lateinische Grammatik und die Bibel im Ostfränkischen Reich erklärt wurden, das heißt in einer Region, wo Latein eine Fremdsprache war und die Beschäftigung mit der lateinischen Bibel vergleichsweise schwerer als anderswo im karolingischen Imperium fiel. Dank der tiefgründigen Arbeit von Germanisten wissen wir, dass ostfränkische Gelehrte die Schwierigkeiten ihres Publikums sehr wohl berücksichtigten, indem sie Glossen und Werke auf Althochdeutsch verfassten. Es bleibt zu überprüfen, ob auch ihre bei weitem umfangreichere Interpretationstätigkeit auf Latein die besonderen Ansprüche ostfränkischer Schüler und Leser in Betracht zog. Im Zentrum meiner Untersuchungen stehen daher zahlreiche Randnotizen auf Latein, mit welchen karolingische Gelehrte bestimmte Grammatik- und Bibelhandschriften im Laufe des neunten Jahrhunderts versahen. Marginalannotationen auf Latein bieten ein hervorragendes, bislang aber meistens vernachlässigtes Quellenmaterial, um Eigenschaften und Schwerpunkte des Studiums von Latein und der Bibel zu rekonstruieren.

Konkret werde ich mich mit zwei Gruppen von Quellen beschäftigen: Einerseits mit den Glossen zu Priscians Institutiones Grammaticae aus dem Kloster Wissembourg, die die lokalen Schwerpunkte beim Lateinunterricht in der zweiten Hälfte des neunten Jahrhunderts zeigen. Andererseits mit den sogenannten "kommentierten Ausgaben" der Bibel, jenen Bibelhandschriften, die sogleich mit einem umfangreichen Korpus an Marginalerklärungen versehen wurden, noch bevor sie das Skriptorium verließen. Solche kommentierte Bibelausgaben, die mit der Verbreitung der sogenannten Glossa Ordinaria ab dem 11. Jahrhundert in Westeuropa allgegenwärtig waren, wurden schon in früheren Jahrhunderten und auffallend häufig im Ostfränkischen Reich um 850 herum produziert. Durch die detaillierte Untersuchung von Inhalten und Funktion der Erklärungen möchte ich überprüfen, ob die kommentierten Ausgaben der Bibel als ein "Sonderprodukt" des östlichen Teils des karolingischen Imperiums betrachtet werden können, welches als Lateinisches Pendant zu den althochdeutschen Glossen gelten kann.

Cinzia Grifoni, ÖAW

Forum Millennium am Freitag, den 16. April 2021, 16 Uhr c.t.

Das Land Israel gemäß den Gelehrten

Dem Land Israel (erets yisrael) kommt in der rabbinischen Literatur eine zentrale Bedeutung zu. Diese scheint mit zwei entscheidenden Ereignissen in Zusammenhang zu stehen – mit dem Verlust der politischen Autonomie in Judäa nach den Kriegen im ersten und zweiten Jahrhundert n. d. Z. und mit der Christianisierung des Römischen Reiches und der Verwandlung Palästinas in das christliche Heilige Land. Diese Ereignisse hatten die Entstehung der jüdischen Diaspora, wie wir sie heute verstehen, zur Folge und es ist im Rahmen dieser Diaspora-Erfahrung, dass die Rabbinen in der römischen Provinz Palästina und im sassanidischen Mesopotamien über das Land reflektieren und als Bestandteil der jüdischen Identität neu definieren. Um diese literarische Reflexion geht es im Vortrag.

Dr. Constanza Cordoni, Institut für Mittelalterforschung, ÖAW

Forum Millennium am Freitag, den 22. Jänner 2021, 16 Uhr c.t.

Eine unbekannte lateinische Übersetzung der Predigten des Pseudo-Makarios

In einem spätantiken Codex der Biblioteca Ambrosiana in Mailand gelang eine neue Entdeckung. Der im 6. Jh. niedergeschriebene Text lässt sich als lateinische Übersetzung griechischer Predigten identifizieren, die wohl in Mesopotamien gehalten wurden und eine von der Orthodoxie abweichende Lehre vertraten. Die Predigten sind nur deswegen überliefert, weil sie fälschlich dem „unverdächtigen“ ägyptischen Mönchsvater Makarios zugeschrieben wurden. Bisher war lediglich der griechische Text bekannt, und zwar nur aus ca. 500 Jahre jüngeren Handschriften, weshalb die neu gefundene lateinische Fassung das bei weitem älteste erhaltene Dokument des anonymen Predigers darstellt. Sie ist somit nicht nur ein wertvoller Zeuge für die Rezeption des Pseudo-Makarios im Westen, sondern kann auch zur Korrektur des griechischen Texts beitragen.

Dr. Clemens Weidmann, Kirchenväterkommission (CSEL) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Forum Millennium am Freitag, den 11. Dezember 2020, 16 Uhr c.t.

angekettete Sklaven, Marmorrelief aus Smyrna (AD 200), Oxford, Ashmolean Museum

Dispensator: Sozialprofil eines römischen Sklaven anhand der Satyrica und der Digesten

Bei Verwertung der Informationen über das Leben von Sklaven und Freigelassenen aus Petronius' Satyrica müssen stets die literarischen Besonderheiten dieses Textes ins Kalkül gezogen werden. Zum Vergleich werden hier Texte römischer Juristen herangezogen, die keinem Verdacht satirischer Überzeichnung ausgesetzt sind. In concreto wird versucht, das, was bei Petronius über das Leben von dispensatores / Finanzverwalter, mit den Informationen zu verknüpfen, die römische Juristen über solche Sklaven geben. So kann man sowohl Aufschlüsse über den Realitätsgehalt der Satyrica als auch über den Hintergrund der von den Juristen diskutierten Fälle gewinnen.

Univ.-Prof. Dr. Richard Gamauf, Institut für Römisches Recht und Antike Rechtsgeschichte

Forum Millennium am Freitag, den 13. November 2020

Zur Feier des verehrungswürdigen Tages der Sonne.

Diskussion ausgewählter Quellentexte zur paganen und antipaganen Deutung des Sonntags sowie zum Ruhegebot und Gebot guter Taten am Sonntag,

vorgestellt von Uta Heil und dem Team des FWF-Projekts „The Apocryphal Sunday“ (FWF-P31428): Svenja Sasse, Philip Polcar und Kathrin Breimayer